Forschungsstelle für Europäisches Zivilrecht
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Klausur WS 2003/04

Abschlussklausur zur Vorlesung „Rechtsvergleichung“
vom 25.2.2004

Lösungsvorschlag

bearbeitet von Ass. iur. Michael Faatz

 

A. Aufgabenstellung

 

Lesen Sie folgende Auszüge aus Gerichtsentscheidungen:

 I.

BGH, Urt. v. 14. 07. 1956, in: BGHZ 21, S. 319 ff., insb. S. 333–335

Die Beklagte hatte ihr Fahrzeug mehrmals auf einem Parkplatz abgestellt, der durch ein Schild mit der Aufschrift »parkgeldpflichtig und bewacht« gekennzeichnet war. Den Parkplatzwächtern der Klägerin hatte die Beklagte von vornherein erklärt, dass sie die Bewachung ihres Fahrzeugs und die Bezahlung eines Entgelts ablehne. Die Klägerin verlangte von der Beklagten Zahlung des Entgelts. Die Klage hatte in allen Instanzen Erfolg. Der BGH stellte fest, dass die Regeln des BGB inadäquat seien, um den Vertragsschluss bei allen Verträgen der modernen Gesellschaft zu regeln. Der Abschluss des Parkvertrags in diesem Fall sei daher nicht von den üblichen Regeln von Angebot und Annahme, sondern von dem typischen sozialen Verhalten der Parteien – auf der einen Seite die Bereitstellung der Dienste, auf der anderen die Inanspruchnahme dieser Dienste – abhängig zu sehen. Damit habe die Beklagte trotz ihrer gegenteiligen Erklärung bereits durch das Auffahren auf den Parkplatz einen Vertrag geschlossen und sei somit verpflichtet, die übliche Gebühr zu zahlen.

 

» (...) Haupt hat (...) in teilweiser Abkehr von der nach seiner Meinung der Wirklichkeit des Lebens oft kaum gerecht werdenden Auffassung, daß ein Vertragsverhältnis nur durch Angebot und Annahme zustande komme, die Ansicht entwickelt, daß es faktische Vertragsverhältnisse gebe, die nicht auf Vertragsschluß, sondern nur auf einer sozialen Leistungsverpflichtung beruhten. (...) Er kommt dabei zu dem Ergebnis, daß die Benutzung einer (...) der sozialen Daseinsfürsorge dienenden Einrichtung nicht auf Grund einer Einigung (...) vor sich gehe, daß vielmehr die bloße Tatsache (...) der ordnungsmäßigen Benutzung (...) unmittelbar das Vertragsverhältnis mit seinen beiderseitigen Rechten und Pflichten begründe und daß es einer rechtsgeschäftlichen Einigung darüber schon deshalb nicht bedürfe, weil der Umfang solcher Rechte und Pflichten ohnehin unabänderbar feststehe. (...) Larenz weist darauf hin, daß im modernen Massenverkehr Schuldverhältnisse vorkommen, deren Grundlage (...) in dem rein tatsächlichen öffentlichen Angebot einer Leistung und in der rein tatsächlichen Inanspruchnahme dieser Leistung durch den Verkehrsteilnehmer (zu finden sei). Das Benutzen (...) lasse ein Vertragsverhältnis entstehen, nicht weil diese rechtliche Folge des tatsächlichen Handelns (...) gewollt oder (...) erklärt sei, sondern weil sie nach allgemeiner Verkehrsanschauung unzweifelhaft damit verbunden sei. (...) Wer während der Bewachungszeiten die besonders kenntlich gemachte Parkfläche zum Parken benutzt, führt schon dadurch, daß er das tut, ein vertragliches Rechtsverhältnis herbei, das ihn zur Bezahlung eines Entgelts entsprechend dem Parkgeldtarif verpflichtet. Auf seine (...) abweichende innere Einstellung mag sie auch von dem parklustigen Kraftfahrer bei Beginn des Parkens dem Ordner der Klägerin gegenüber zum Ausdruck gebracht worden sein – kommt es nicht an. (...) «

  

II.

Thornton v. Shoe Lane Parking Ltd, Urt. v. 18. 12. 1970, Court of Appeal, in: [1971] 1 All E. R., S. 686 ff., insb. S. 689

Der Kläger fuhr in das Parkhaus des Beklagten. An der Einfahrt stand ein Schild mit den Preisen und der Warnung, dass das Parken auf eigene Gefahr erfolge. Der Kläger fuhr an diesem Schild vorbei auf eine Rampe, an der er ein Ticket am Parkscheinautomat erhielt. Auf dem Parkticket waren der Zeitpunkt des Einfahrens sowie der Hinweis, dass durch dieses Ticket die allgemeinen Geschäftsbedingungen gelten, abgedruckt. Innerhalb des Parkhauses wurden die allgemeinen Geschäftsbedingungen erläutert, nach denen Schadensersatz für Schäden an Personen oder Fahrzeugen ausgeschlossen wurde. Während der Parkzeit wurde der Kläger aufgrund des Mitverschuldens des Beklagten verletzt und verlangte daraufhin von diesem Schadensersatz. Das Gericht stellte fest, dass der erste Hinweis an der Einfahrt »auf eigene Gefahr« vor dem Vertragsschluss erfolgt und daher Teil des Vertrags geworden sei. Es bezog den Hinweis aber lediglich auf Sach-, nicht jedoch auf Personenschäden. Um diese Haftung auszuschließen, hätte auch der Aufdruck auf dem Ticket, der auf die weiteren Aushänge innerhalb des Parkhauses verwies, Vertragsbestandteil werden müssen. Das Gericht entschied (auf der Basis der traditionellen Lehre von Angebot und Annahme), dass der Vertrag bereits mit Erhalt des Tickets geschlossen worden sei, noch bevor der Kunde die Möglichkeit gehabt habe, den Aufdruck darauf zu lesen. Der Haftungsausschluss für Personenschäden sei daher nicht Vertragsinhalt geworden und der Beklagte somit zum Schadensersatz verpflichtet.

 

Lord Denning:

» (...) The customer pays his money and gets a ticket. He cannot refuse it. He cannot get his money back. He may protest at the machine, even swear at it; but it will remain unmoved. He is committed beyond recall. He was committed at the very moment when he put his money into the machine. The contract was concluded at that time. It can be translated into offer and acceptance in this way. The offer is made when the proprietor of the machine holds it out as being ready to receive the money. The acceptance takes place when the customer puts his money into the slot. The terms of the offer are contained in the notice placed on or near the machine stating what is offered for the money. The customer is bound by those terms as long as they are sufficiently brought to his notice beforehand, but not otherwise. He is not bound by the terms printed on the ticket if they differ from the notice, because the ticket comes too late. In the present case the offer was contained in the notice at the entrance giving the charges for garaging and saying at »owner’s risk«, i.e. at the risk of the owner so far as da-

mage to the car was concerned. The offer was accepted when the plaintiff drove up the entrance and, by the movement of his car, turned the light from red to green, and the ticket was thrust at him. The contract was then concluded, and it could not be altered by any words printed on the ticket itself. (...) «

  

III.

Cass. civ., 1ère, Urt. v. 02. 12. 1969, in: Dalloz 1970, Jurisprudence, S. 104

Die Klägerin öffnete die Tür eines Taxis und war im Einsteigen begriffen, als der Taxifahrer die Handbremse löste und sich das Taxi daraufhin auf dem abschüssigen Gelände in Bewegung setzte. Dabei wurde sie verletzt. Auf ihre Klage auf Schadensersatz entschied die Cour d’Appel, dass zwischen ihr und dem beklagten Transportunternehmen ein Beförderungsvertrag zustande ge­kommen sei. Das Angebot sei darin zu sehen, dass das Taxi auf dem dafür vorgesehenen Platz zum Transport bereit stand. Indem die Klägerin die Tür öffnete, habe sie unzweideutig ihren Annahmewillen zu erkennen gegeben. Daher war bereits mir dem Öffnen der Tür eine Schutzpflicht (obligation de sécurité) des Taxifahrers begründet worden, deren Verletzung die Beklagte schadensersatzpflichtig mache. Die Cour de Cassation bestätigte das Urteil.

 

» (...) La Cour; – Sur le premier moyen: – Attendu qu’il résulte des énonciations de l’arrêt attaqué (Paris, 7 mars 1968) que dame Jean Jacques fut blessée au moment où elle montait dans un taxi de la Société des autoplaces, qui s’était mis en mouvement, entraîné par la déclivité du sol, son chauffeur ayant desserré le frein à main – Attendu qu’il est fait grief à la Cour d’Appel d’avoir retenu l’entière responsabilité de la So­ciété des autoplaces, au motif qu’il s’était formé un contrat de transport dès que le voyageur avait manifesté son intention de prendre le taxi en ouvrant la portière, alors que le contrat de transport, de caractère consensuel, impliquerait accord du transpor­teur, que, nonobstant les règles de police qui obligent le chauffeur de taxi à charger, ce dernier, sur le terrain civil, serait libre de refuser un client, que, l’ouverture de la portière par un voyageur éventuel ne suffirait donc pas à caractériser la conclusion du contrat dès lors qu’il n’est pas constaté que le chauffeur avait eu conscience de cette ouverture et y avait acquiescé; – Mais attendu que la formation du contrat de transport résulte de l’offre du transporteur et de l’acceptation du voyageur; que les juges d’Appel, qui apprécient souverainement la volonté des parties de conclure une convention, relèvent, d’une part, que le simple fait de laisser une voiture de place en stationnement dans un emplacement réservé, gaine du compteur non mise et chauffeur au volant, constitue une offre, et, d’autre part, que dame Jean Jacques avait manifesté son intention de prendre place dans le taxi, en ouvrant la portière, »geste non équivoque«; qu’ainsi, le premier moyen doit être écarté;          
Sur les deuxième et troisième moyens: – Attendu qu’il est encore reproché à l’arrêt attaqué d’avoir exonéré la victime de toute faute et retenu l’entière responsabilité du transporteur, alors que, les juges d’Appel n’auraient constaté, ni que la victime eût avisé le conducteur de son intention de pénétrer dans son véhicule, ni que ce dernier eût eu connaissance de cette intention et que dame Jean Jacques, dont ils relatent qu’elle était âgée et corpulente, aurait manqué à son devoir de veiller à sa propre sécurité, tandis que le chauffeur, en laissant son véhicule descendre »doucement«, ainsi qu’ils le relèvent, sur une voie en pente, n’aurait commis aucune faute;   
Mais attendu que la Cour d’Appel, qui a, contrairement aux dires du pourvoi, constaté l’accord de volonté des parties, a justement décidé que, dès le moment où dame Jean Jacques avait commencé à monter dans la voiture, l’obligation de sécurité pesait sur le transporteur, et pu estimer qu’en l’espèce, il ne pouvait être reproché à la victime nulle faute de nature à exonérer le débiteur de cette obligation; que les deuxième et troisième moyens ne sauraient donc être accueillis;         
Par ces motifs, rejette. (...) «

  

Bearbeiten Sie bitte folgende Aufgaben:

Analysieren Sie rechtsvergleichend (Deutschland, England und Frankreich) unter Bezugnahme auf die drei Entscheidungsauszüge

  1. den Aufbau und die stilistischen Eigenheiten von Urteilen in den drei Ländern. (35 Punkte)
  2. die Argumentationstechnik von Urteilen anhand der drei Gerichtsentscheidungen. (35 Punkte)
  3. das Idealbild des Richters und das professionelle Selbstverständnis der Richterschaft in den drei Rechtssystemen. (30 Punkte)

 

Hinweise:

Hilfsmittel: Unkommentierte Gesetzesausgaben

Zur Bewertung: Insgesamt kann der Kandidat/in max. 100 Punkte erzielen. Zum Bestehen sind 40 Punkte erforderlich. Die Notenskala entspricht der üblichen Praxis.

   

Viel Erfolg !

 

 

B. Lösungsskizze

Hinweis: Die Lösungsskizze erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, so dass auch abweichende Aspekte bei der Bewertung berücksichtigt wurden. Sie soll nur als Erwartungshorizont dienen.

Beachten Sie ferner folgende Fundstellen: F. Ranieri, Europäisches Obligationenrecht, 2. Auflage, S. 62 ff.; ders., Juristenausbildung und Richterbild in der EU, DRiZ 1998, S. 285 ff.; ders., Das Reichskammergericht und der gemeinrechtliche Ursprung der deutschen zivilrechtlichen Argumentationstechnik, ZEuP 1997, S. 718 ff.

 

Aufgabe 1:
Aufbau und stilistische Eigenheiten von Urteilen

Deutschland

Frankreich

England

bullet

rigorose Trennung zwischen Tatbestand und Entscheidungsgründen

bullet

traditionelle Unterscheidung des unstreitigen Sachverhalts vom streitigen

bullet

sog. Urteilsstil, formal in Kausalsätzen formulierte Urteilsbegründung

bullet

äußerer Stil des Urteils nicht stringent von prozessrechtlichen Normen vorgeschrieben

bulletGrundlagen aus Zeit des röm. Gemeinen Rechts und des dt. Usus modernus im 17. Jh. (Aktenrelation, Votum); des Weiteren aus Ausbildungspraxis zur Zeit des Reichskammergerichts/preußische Ausbildungsordnungen (sog. Relationstechnik)
bullet

Technik des sog. „Jugement à phrase unique“, beginnend mit „La Cour“ und abgeschlossen mit „casse“ bzw. „rejette“ (Cour de Cassation)

bullet

eingeschobene Relativsätze, welche durch die Formulierung „attendu que“ beginnen; in ihnen wird die Prozessgeschichte mitgeteilt

bulletUmfang selten größer als eine gedruckte Seite (Cour de Cassation)

 

bullet

Protokollierung der Prozessgeschichte sowie der mündlichen Verhandlung

bulletStellungnahmen der einzelnen Richter („opinion“) in persönlichem, diskursivem Stil formuliert

 

 

Aufgabe 2:
Argumentationstechnik von Urteilen

Deutschland

Frankreich

England

bullet

wissenschaftlicher Charakter der Urteilsbegründung (wissenschaftliche Abhandlung)

bullet

 sog. Urteilsstil, formal in Kausalsätzen formulierte Urteilsbegründung

bullet

ausführliche Auseinandersetzung mit bisheriger Judikatur und Schrifttum (Zitate)

bulletdadurch beteiligen sich die dt. Gerichte an der rechtwissenschaftlichen Diskussion; außerdem zahlreiche Richter als Autoren von wissenschaftlichen Werken und Kommentaren und auch als Hochschullehrer tätig
bullet

Begründungsstil außerordentlich formalistisch und einer legalistischen Rechtsgesinnung entsprechend

bullet

Grundlagen aus Tradition des Tribunal de Cassation Ende des 18. Jhs. und franz. Kodifikation Anfang des 19. Jhs.

bullet

häufig bloße Mitteilung einer Rechtsentscheidung; Begründung wird nur durch Hinweis auf herangezogene gesetzliche Vorschriften angedeutet (keine Zitate)

bullet

dadurch Auslegung der Urteile wesentliches Element der franz. Rechtskultur; „droit appliqué“ nicht weit von einem „case law“ entfernt

bulletgroße Bedeutung der Urteilsanmerkungen („note“), in welchen die Hintergründe der juristischen Begründung eines Urteils und die Einordnung in die bisherige Rechtsprechung erörtert werden (Rolle der franz. „doctrine“)
bullet

Begründungsstil weit entfernt von formelhafter Begründung

bullet

diskursiver, persönlicher Stil der sog. „opinions“

bulletkein wissenschaftlicher Stil, auch wenn gelegentlich Ansichten des Schrifttums miteinbezogen

 

 

Aufgabe 3:
Idealbild des Richters und das professionelle Selbstverständnis der Richterschaft

Deutschland

Frankreich

England

bullet

Richter als Staatsbeamter (Folge der Staatsausbildung)

bullet

Karriere innerhalb des Justizsystems i.S. einer bürokratischen Laufbahn

bullet

daher Richterschaft auch mit Berufsanfängern besetzt

bullet

große Zahl von Richtern

bullet

Richter häufig als Hochschullehrer oder als Autoren von wissenschaftlichen Werken und Kommentaren tätig (Einheit der Rechtsprofessionen)

bulletRechtsprofessoren gelegentlich auch als Richter im Nebenamt tätig (Einheit der Rechtsprofessionen)
bullet

Richter als Staatsbeamter (Folge der Staatsausbildung)

bullet

vollkommen autonome Personalselbstverwaltung der Richterschaft

bullet

parteipolitische Fraktionenbildung der Richterschaft

bullet

Karriere innerhalb des Justizsystems i.S. einer bürokratischen Laufbahn

bullet

daher Richterschaft auch mit Berufsanfängern besetzt

bulletgroße Zahl von Richtern
bullet

Fehlen einer Justizkarriere i.S. einer bürokratischen Laufbahn

bullet

Richterschaft stellt elitäre Auslese aus der Anwaltsprofession dar (mind. 10- 15 jährige Berufserfahrung, also keine Berufsanfänger) (sog. Kooptationssystem)

bullet

daher agiert Richter traditionell als Einzelrichter

bulletsehr geringe Zahl von Richtern (viele Justizaufgaben werden außerhalb der eigentlichen Gerichtsbarkeit erledigt)

 

 

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Forschungsstelle für Europäisches Zivilrecht  - Prof. Dr. F. Ranieri - Letzte Bearbeitung: 11.03.2010